„Die Orgel erzieht die Seele"

In unserer Serie „Sommerfrische": Komponist Theo Brandmüller über die Orgel, über Zeit und saarländisches „Savoir-vivre

Die Hundstage, die heiße Zeit, zuhause verbracht - da entwickelt jeder so seine eigene Vorstellung von „Sommerfrische". Zumal der Sommer, selbst wenn wir beschäftigt sind, uns ein wenig Atemholen zu gönnen scheint. Wo und wie verbringen Künstler ihre sommerlichen Mußestunden? In unserer Serie begleiten wir sie zu ihren bevorzugten Orten. 

Heute:

Theo Brandmüller, Organist und Komponist.

Dunkel lastet der Himmel auf Saarbrücken. Ein gewaltiger Donnerschlag ist der Auftakt eines prachtvollen Sommergewitters. Der Wind drückt die Regentropfen an die Scheiben der Ludwigskirche. Blitze erhellen den Kirchenraum. Grotesk verzerrte Schatten tanzen an den Wänden. An der Orgel sitzt ein Teufelsorganist. Wild fliegen die Finger über die Tasten. Tiefes Grollen und spitzes Geschrei entlockt er dem Instrument.

Ein Teufelsorganist? Nein. Der Eindruck täuscht. Theo Brandmüller, seit 22 Jahren Hochschullehrer an der Musikhochschule des Saarlandes und international erfolgreicher Komponist, improvisiert an der Orgel, verbringt dort seine „Mußestunden". Die evangelische Kirche ist sein „Refugium", wohin er sich gerne zurückzieht „um einfach Musik zu machen, zu spielen, zu komponieren". Der gefragte Musiker lässt sich an der Orgel inspirieren: „Ich hole mir hier manche Anregung, wenn ich ganz alleine in der Kirche bin, und trage sie dann geistig zu mir nach Hause."

Seit 1982 ist Theo Brandmüller Organist der Ludwigskirche. Zur Orgel hat er eine besondere Beziehung. „Es gibt einen schönen Satz von Thomas von Aquin:

,Die Orgel erzieht die Seele.' Da ist nun mal der Klang, der mich interessiert, und Komponisten sind letztendlich, ungeachtet der kompositionstechnischen, ästhetischen, innovatorischen Aspekte, darauf aus, seelische Regungen im Menschen zu evozieren." Und: „Die Orgel ist bei allem Schreibtischdenken immer wieder ein Schub, an das Seelische zu denken." Etwa ein Drittel der Kompositionen Brandmüllers ist Kirchenmusik. „Die Orgel ist wie ein Klavier oder Akkordeon ein Instrument mit der Möglichkeit, Töne zu erzeugen. Sie kann auch auf dem Jahrmarkt stehen. Man muss als Komponist die ästhetischen a prioris hintanstellen, muss hellwach sein und darf nie ,Nein' zum Tabubruch sagen." Denn: „Kunst, Musik, muss einen geistig freien Raum haben."

Während das Gewitter auf Saarbrücken niedergeht, tupft sich Brandmüller die Stirn mit einem Schweißtuch, spricht in der sturmumtosten Kirche über „Jubilus, die Klage und das Kontemplative":

„Die Zeitgestaltung ist das Spezifischste im musikalischen Arbeiten eines Komponisten. Die Vorstellung, dem Hörer eine spezielle Zeiteinteilung suggerieren zu wollen, trägt mich seit langem. Meditation kann längere Ereigniszeiten haben. Man macht die Ereigniszeiten sehr breit, sozusagen ereignislos, eine Losigkeit von Ereignissen gewissermaßen. Aber irgendwann weiß der Hörer, dass ein Appell kommen muss, weil sonst die spannungshafte Ereignislosigkeit in bloße Ereignislosigkeit umkippt, die beim Hörer Langeweile erzeugt." Doch auch der Humor hat seinen Platz. „Einige schreiben immer wieder, ich hätte Mythos, Kult, Humor und Spaß in meinen Werken. Alles richtig. Aber die Polarisierung der Elemente greift nicht, denn das eine ist die Medaillenseite des anderen. Humor muss kurz sein. Irgendwann muss die Pointe kommen. Ich habe viel witzige Musik geschrieben und mit aller größtem Vergnügen auch solche Musik studiert."

Brandmüller wurde in Mainz geboren. Hat er sich des Saarländers liebstes Sommervergnügen zu Eigen gemacht? „Natürlich habe ich einen Schwenker! Die Tatsache, dass ich seit 22 Jahren hier lebe, hängt damit zusammen, dass mir das ,Savoir-vivre' außerordentlich zusagt."  CHRISTOPHER LANG  Die von Friedrich Joachim Stengel von 1762 bis 1775 in Saarbrücken erbaute Ludwigskirche ist geöffnet: Dienstag 15 bis 17 Uhr, Mittwoch von 10 bis 12 Uhr und 16 bis 17.30 Uhr, Samstag von 16 bis 18 Uhr. Mit ein wenig Glück kann man Theo Brandmüller in der Kirche antreffen und seinem Orgelspiel lauschen.

Bleibt anzumerken : die Tatsache, dass jeder Saarländer einen Schwenker hat, veranlasste boshafte Pfälzer und Schwaben zu Bemerkungen, die darin gipfelten : "Gott denkt - der Saarländer schwenkt" und zu meiner weiteren Bemerkung : hoffentlich ist diese Brandmüllersche Anbiederung ans saarländische Publikum nicht am Schwenker festgemacht, so wie man ja gerne einem Tageszeitungsjournalisten eine Bemerkung mit nach Hause gibt, die jeder gerne liest, um dann eben "saarländisch - heimelich" zu schmunzeln, "ja, ja .. so gescheite Leut die tun auch gerne schwenken..!", und da bügelt dann der Genie seine Kanten etwas ab und wird wieder menschlich (fassbar, für einfache Geister). Wichtiger fürs Orgelpublikum sei die Anmerkung, dass Oscar Walcker seine erste Schleifladenorgel in diese Ludwigskirche gebaut hat. Leider ist dieses Instrument nicht mehr da drin. gwm

 

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