Bulgarian summer

eine Orgelgeschichte in zwei Bildern und in zwölf Orgelregister-Tabulaturen - Sommer 2003 Gerhard Walcker-Mayer

Bordun 16’ im Hauptwerk Kiefernholz, sehr weich und dunkel, schwarzmeerschäumend,

Montag 8. September 2003 um 9Uhr45 erreicht unseren Mann vom Orgelkomitee ein Anruf aus Sofia : der Kulturminister der Republik Bulgarien, Bogidar Abraschev erweist uns die Ehre für die restaurierte Orgel in Russe eine Komposition zu erstellen. Abraschev, der Professor für Kompositionslehre an der Musikhochschule in Sofia vor Amtsstellung als Kulturminister war, will damit unterstreichen, für wie wertvoll er diese Arbeiten an der ältesten der acht Pfeifenorgeln in Bulgarien einschätzt. Dies also ist Bulgarien, denke ich mir, und ich höre den Satz eines bulgarischen Freundes: „hier ist einfach alles möglich“, auf meine Frage, wie man nur einen 40jährigen Geheimnisforscher auf Kosten des Staates nun Orgelmusik und Musikpädagogik per Fernstudium studieren lässt. Übrigens „Bogidar“, das heißt „Gottesgeschenk“ ! – Ja, da frage ich mich, welcher unserer Politiker würde sich heute zu solch einem Vornamen bekennen ?

 Principal 8’ im Hauptwerk, Zink, glänzend, schon etwas Magie, spinnwebenzart blasend,

Unser Bulgarienaufenthalt wurde vor über einem Jahr geplant, und nun im August dieses Jahres realisiert. Ein Abenteuer hat begonnen sich in ein magisches Märchen zu verwandeln. Dazu wurde eine komplette Orgelwerkstatt von Spanien nach Bulgarien verschafft, und wer es weiß mit welchen Hürden bulgarische Zollbeamte aufwarten, wenn es um Problembeschaffung geht, wird das Wunder der 8-tägigen Verzollung zu schätzen wissen. Die erste Orgelwerkstatt am Balkan konnte so am 26. August in Betrieb genommen werden, mit einem sehr merkwürdigen Team : ein Slawist und Musikwissenschaftler aus Salzburg, ein Orgelprofessor aus Sofia, ein Orgelbaumeister aus Bliesransbach, eine Geigerin und ein Schauspieler aus Rustschuk, ein Klarinettist  und viele weitere Hilfskräfte aus Theater, Musikhochschule und Kirche. Das öffentliche Interesse war ungeheuer : bereits in den ersten Tagen wurden mehrere Fernsehsendungen über die gestartete Orgelrestaurierung in Bulgarien ausgestrahlt, worunter eine Sendung direkt in den Hauptnachrichten gezeigt wurden. Fast zweimal pro Woche erscheinen in den beiden großen Zeitungen Artikel mit Fotos über die Arbeiten an der Orgel; was dazu geführt hat, dass wir in unserer Stadt Russe öfters auf der Straße begrüßt werden wie zuletzt von einer Gemüseverkäuferin: Ihr seid doch die Deutschen, welche die Orgel herrichten.

 Viola da Gamba 8’ im Hauptwerk, streichendes Massenetklanggedicht, Zaubergeige, Ruinengemälde mit geigenden Mönchen…

In der Zwischenzeit sind wir tief in den Dornröschenschlaf der 96jährigen alten Dame aus dem Hause Voit / Karlsruhe eingedrungen. In ihre Probleme mit Holzwurm und Feuchtigkeitsverhältnissen, mit Stockflecken und Lederrissen, aber auch mit erfreulichen Dingen, wie völlig unverschlissenen Lederbälgen und sauber gearbeiteten Windladen. Die Orgelteile, die wir bergen und befragen, die Pfeifen, die wir reinigen und waschen, sie alle geben uns Zeugnis von ihrer Standhaftigkeit des letzten Jahrhunderts. Von den überstandenen Weltkriegen, von den Torturen durch Lufteinwirkung, Erdbeben und vieler unbeholfener Eingriffe. Sie sagen uns aber auch, wie sie von Beginn an geklungen haben und wie sie bespielt worden sind : wenig Pedal, viel in der mittleren Lage, und der Tuttiknopf gar, der wurde soweit überbeansprucht, dass am Schluss die Feder versagte. Nachdem wir alle Holzpfeifen aus der Orgel hinunter ins Freie zum Ausblasen geschafft haben, sehen wir, dass alle Pfeifen aufgestellt, fast die gesamte Seitenwand der Kirche beanspruchten, ein schönes Bild: das Holz der Pfeifen gegen die Steinwand der Kirche kontrastierend im magischen Sonnenlicht von Rousse, das unsere Digitale einfach nicht einzuschätzen weiß, nicht aufzunehmen versteht.

 Flauto amabile 8’ im Hauptwerk, Kiefernholz, weicher und runder Traversflötenton in der Tiefe, dann spritziger werdend, Mozartflöte, salzburgerisch, etwas keuchend bei schnellen Läufen ,nach klarer Luft ringend  

Eine Hitze hatten wir hier wie seit 100 Jahren nicht mehr. Rustschuk, Russe, Ruse, Rousse, und nur der Teufel weiß, wieviel weitere Schreibvarianten dieses Namens der bulgarischen Stadt an der Donau noch möglich sind, steht erwartungsvoll vor uns. Zunächst verschlossen mit einem riesigen Vorhängeschloss, wie es allerorten in die Augen sticht, dann geziert, sich öffnend wie ein altes Weib, das sparsam mit Charme und Grazie geizt. Ein Zeichen von Vielfalt vielleicht, oder von Wandelbarkeit sind Stadtnamen, europäisches und kyrillisches Schrifttum, Geschäftsgebaren, Häuser, Straßen, Cafes und die schlangenhafte Donau. Am Platz vor dem Theater des „kleinen Wien“ sitzen wir immer wieder zu Mittag- und Abendessen im „Happy“, einer bulgarischen Variante einer Restaurantkette, die unsere westlichen China- Italia – USA- Gaststätten auf die Plätze verweist. Wo ein Heer an jungfräulichen Damen charmant und immer freundlich die Gäste zu Levapreisen bedient, wie wir sie von den 70er oder 80er Jahren her kennen. Kein Wunder bei den Monatslöhnen von 100 bis 200 Leva, was den halben Wert in Euro entspricht. Aber dies sind auch schon die Löhne für Akademiker oder Ingenieure. Renten werden mit 25 Euro per Monat abgehandelt, was viele alten Menschen zu den Mülleimern der Stadt führt – Bilder die erschrecken, die den Charme der alten Dame des „kleinen Wien“ in fratzenhaftes Überlebenmüssen verzerren. Und diese Bilder sind es auch, die am Ende die Frage nach Leben und Kultur neu stellen.

 

Oktave 4’ im Hauptwerk, Zinn, teils im Prospekt in Zink, schöne runde Prinzipalstimme ,noch nicht strahlend, fein blasend in den unteren zwei Oktaven, nach Klarheit suchend, schon magisch irrend, zauberhaft verrätselt

Aber dennoch strahlt dieses Rousse eine unheimlich tiefe Magie aus, die entfernt an Venedig erinnert. Es ist nicht nur das sonderbare Licht in der Stadt, das durch Sonnenauf- und Untergänge, die so reichhaltig und schön über der Donau ihr Fest feiern, mit Lichtern die feinste Schattenkonstraste in noch feinere Violett- und Rottöne verstreichen, sondern es ist ein Zauber der durch die Häuser und Straßen weht wie ein Rilkegedicht. Die Welt als Wille und Vorstellung offenbart sich hier in Rousse als ein magischer Blumenstrauß, der sich im blauen Licht hinter der Donau verrätselnd im Choral der Orthodoxen Kirche auflöst, reinigend und heilend. Die Häuser von Rousse, viele durch Erdbeben 1977 kräftig durchgeschüttelt, es sind Orte der Initiation, der Befragung, ja es sind venezianische barocke Inseln, manche sind Böcklinsche Toteninseln, und diese sind die schönsten. Wer nach Venedig kommt, mit einem Boot morgens um ein oder zwei Uhr, vielleicht im Herbst, der hat Venedig richtig gesehen, und der sollte nach Russe kommen, an einem Spätsommerabend, bei Sonnenuntergang auf der Donau.

 Cornett 3-4fach im Hauptwerk, in Zinn, zurückhaltend, wenig gravierend, haltgebend, gestaltgebend , klangkrönendes Element

Ein Ehepaar aus Düsseldorf das fahradfahrend durch Bulgarien an unserer Kirche Station macht, dort einen deutschen Orgelbauer und Musikwissenschaftler findet, sie finden hier in Rousse auch ihren magischen Halt, ihre Verzauberung, indem das Unglaubliche passiert.

Der Hamburger Ingenieur, welcher in Rousse die naechsten zwei Jahre für ein Müllprojekt stationiert wird, auch er ist in den magischen Bannstrahl der Stadt geraten, geht in alle Kirchen die er passiert, wird in einen Kreislauf von verzauberten Ereignissen gebunden. Er geht in unterirdische Orte, in Diskotheken, in Hochzeiten, er realisiert ohne es zu ahnen seine Faustwerdung.
 

Geigendprinzipal 8’, im Schwellwerk,  in Zink und in Zinn, zart und gedichtesingend Paul Celansche Rätselverse, Frageverse, das Dunkel suchend …

Eine Fernsehreporterin fragt den Orgelbauer während eines Interviews, wo denn die Seele der Orgel sitzt, eine Frage, die sie selbst überrascht, und die im magischen Rousse weitergedacht werden kann, in „ wo denn die Seelen der Häuser in Rustschuk sitzen“ . Doch leider wird weder diese Frage noch die Antwort des Orgelbauers gesendet. Denn Magie wie diese, das lässt sich nicht senden, sie findet statt, und dort wo sie stattfindet, dort ist sie wesentliches heilendes Element. Erlösende Magie also, fernab vom Eurotourismus und westlicher Leistungsgesellschaft, auf einem alten Berg den alte türkische Weise „Balkan“ nannten, den alten Berg, was bei uns einen schalen Geschmack von technischer Unbeholfenheit hervorruft. Dabei bedenken wir nicht, dass uns diese Weisen auslachen würden, würden sie uns sehen wie wir in unserer Eitelkeit, krähender Hähne gleich, dem Gelde und billiger Anerkennung hinterherlaufen, anstatt mit sokratischer Gelassenheit, wie man sie auf dem Balkan noch aufzufinden weiß, das Leben in seiner ganzen Fülle wahrzunehmen. Stoische Ruhe und griechische Weisheit, wir finden es immer wieder in Rousse, neben dem magischen Glanz der Donau, die uns heraklitisch herüberzurufen scheint : „ keine zweimal kannst Du in mich eintauchen“ und die uns das Enfliessen des Habsburger und Deutschen Reiches nach Bulgarien verdeutlicht, mit Begriffen, mit Schiffen, mit Menschen, Maschinen und dem gesamten Kulturschaffen.

 Salizional 8’ im Schwellwerk, in Zink und Zinn, feingewebte deutsche Streichstimme, zu Principal deutend, nicht süßlich, etwas hornartig, ,etwas harzig,

Der Schauspieler und Lebenskünstler Ogy Zhekov könnte als bulgarischer „Alexis Sorbas“ in die Geschichte der Literatur eingehen, würde sich die bulgarische Literatur mit solcherlei Gestalten beschäftigen. Er verteilt Visitenkarten auf denen er als Clown mit roter Knollennase abgebildet ist, und er ist mehr damit beschäftigt neben seinen vielen freischaffenden Arbeiten als Hilfskraft bei Orgelrenovierungen das organisatorische Chaos in Zollstuben und allerlei Behörden durch ausgiebige Gespräche weiter zu fördern und damit letztendlich aufzulösen. Bulgarische Beamten brauchen das lange und tiefe Gespräch. Das möglichst von Morgencafe via Mittagstisch über Cafeveranstaltungen bis zum nahenden Abend dauernde Palaver über belangloseste Kleinigkeiten gipfelt dann schließlich einer Katharsis gleich darin, dass das Problem rigoros beseitigt wird, indem man es im wahrsten Sinne des Wortes „wegredet“. Ogy Zhekov’s Hauptrolle war nun auch, neben Einkäufen, Aufspüren markanter Marktlücken, wie fehlendem Leinöl oder Stahlwolle, Organisationsarbeit zu leisten auf sonnenbeschienenen Cafeterassen und auf gutgedeckten Restauranttischen und so nebenbei die kompromisslose Aktivierung der Presse und des Fernsehens durchzustylen. Mit dem guten Ergebnis, dass man manchmal zwei Tage am Stück kaum aus Fernsehaufnahmen und Interviews heraus zur Arbeit kam. Nicht zu reden von der totalen Aktivierung seiner vielen Schauspielkollegen - und kolleginnen in Bezug auf orgelstützende Maßnahmen, die fast des Maßes zu viel wurden, wären wir nicht auf dem Balkan : Effizienz und Innovation, wie gut tut dies, es sind hier Fremdworte, wie es bei den alten Griechen denn auch nur Gelächter ausgelöst hätte, und wie es eben bei dem letzten großen griechischen Philosophen nur reinste Heiterkeit ausgelöst hatte, eben bei Alexis Sorbas.

Vox coelestis 8’, im Schwellwerk, ab c0, Schwebung zu Salizional oder Geigenprincipal, höher gestimmt, kleine Idee enger als Salicional, magisch bis magnetisch (magnetischer Schlaf), surrealistischer bulgarischer  Sonnenuntergang

Die einzige Orgel in Rousse, sie kam auf der Donau aus der Voitschen Orgelwerkstatt aus Karlsruhe vor 96 Jahren. Der Aufbau der Orgel hatte 20 Tage gedauert, ein Teil des Gehäuses wurde aus den verbliebenen Kistenbretter gefertigt, die noch die Aufschrift „Musikinstrumente – nicht stürzen“ haben. Die Orgel hat die beiden Weltkriege und den Kommunismus überlebt und soll nun Ende Oktober wiederhergestellt und restauriert ihren Dienst in der Katholischen Kirche weiterführen und vor allem soll sie das Konzertleben dieser so kulturhungrigen Stadt bereichern und beleben.

 

Lieblich Gedeckt 8’, im Schwellwerk, aus Kiefernholz und dann in Zinn mit runden Labien, unten weiches rundes Geigenholz, oben klarer und bestimmter werdend, Donautreibholz, rauchiges Klangfundament mit etwas schwerem roten Bulgaren, unheimliche Trinkstimme

Parallel der Donau führt eine eingleisige Schiene, die an einem seltsamen rotgetauchten kleinen Bahnhof vorbeiführt. Eine Station die eine unheimliche Ausstrahlung hat, und die ich dutzendemale fotografiert habe. Ein Hund kam da aus dem Bahnhof, im Maul hatte er eine Taube. Er setzte sich auf die Schienen und wollte den Vogel fressen. Er ließ das Tier aber fallen und glotzte mich an. Eines Abends erschien in dem nun vom Abendlicht dunkelrot gefärbten Bahnhof ein grünes Licht einer Bierreklame, darunter lag wieder dieser Hund, eine Atmosphäre wie in einem surrealen Film. Später kamen wir wieder an diese Stelle und diesmal schob eine Frau  einen Rollstuhl über die Schienen, und wenige Schritte vor erhöhten Stufen drehte sie sich plötzlich um und fragte uns, ob wir deutsch sprechen würden. Sie bat uns den Rollstuhl mit ihrer Mutter über die Treppen zu heben. Abends dann bei untergehender Sonne über der Donau, da steht der Bahnhof vor unseren Augen wie Böcklins Toteninsel mit zwei Zypressen, unheimlich schön. Direkt vor den Schienen befindet sich ein Schild mit kyrillischer Schrift : „Fischsuppe und gebratener Donaufisch“.  Weiter unten an der Donau finden wir ein Gartenrestaurant, wo sich Matrosen aus aller Welt treffen und mit dem Schifferklavier ihre Lieder singen. Serben, Slowenen, Ungarn, Rumänen und Deutsche sitzen da zusammen, radebrechend, meist in deutsch sich verständigend oder manchmal in englisch. Aber „englisch“ so ein Bulgare, das ist doch nur eine Mundart des Deutschen. Anerkennend fotografiere ich ihn.

Rohrflöte 4’ im Schwellwerk, aus Zinn, Bauform einer Blockflöte, Altstimme des Schwellwerks ,gläsernes Stimmenspiel das im Diskant hell zeichnend aber nie grell wird. Pralinees, leicht verzuckert, Donauwalzerflöte

Die Oberbürgermeisterin von Rousse stellt der Orgelmannschaft für die gesamte Dauer ihres Aufenthaltes in der Stadt ein schönes Apartment zur Verfügung. Mit Blumenstrauß bewaffnet erweisen wir der Ersten Dame Rousses unsere Referenz und gratulieren ihr zum Geburtstag. Wir werden königlich empfangen in einem großen Zimmer des früheren Parteihauses, indem riesige Schüsseln mit Plätzchen und Pralinen aufgebahrt sind, von den Blumensträußen nicht zu reden, die schon fast an einen zoologischen Garten erinnern. Der Besprechungstisch hat zwölf Stühle, was mich an Leonardos Abendmahl erinnert. Ein bischen Small-Talk hier und da, und eine Einladung unsererseits an die First Lady zu unserer Orgel wird postwendend realisiert. Am nächsten Tag steht die Dame mit einem großartigen Tross an Presseleuten in der Kirche, die festlich aufleuchtet. Wie eine Fürstin aus Gogols Romanen schwebt die Dame zwischen Kirchstühlen und Heiligenfiguren der Katholischen Kirche hinauf zur Orgel. Es wird geblitzt, gefernseht, geinterviewt und Belangsloses in bulgarisch ausgetauscht. Ja wir finden die Oberbürgermeisterin wieder mitten in der Orgel, wo sie uns nach allen möglichen Details befragt, Blitzlichtgewitter standhält, und immer sehr gelassen ihr Interesse zeigt. Am Ende stehen wir alle schön brav am Kirchengebäude mit einer Orgelpfeife in der Hand und lassen uns mit der „Fürstin“ fotografieren. Am nächsten Tag lesen wir Staunenswertes in den Zeitungen „Der Morgen“ und „Das Ufer“, und wir finden den Orgelbauer, die Oberbürgermeisterin, eine Studentin und einen Musikwissenschaftler schön abgelichtet wieder, diesmal auch textlich etwas besser dargestellt. Ja dann wird man auch oft in den Straßen von Rousse erkannt und befragt : „Ihr seid doch die Deutschen, die an der Orgel arbeiten“ so ein Seemann an der Donau oder ein Taxifahrer vor der Oper, oder einfach nur ein Mädchen, das uns bedient bei einem der vielen Gastättenbefragungen.

 

Subbaß 16’ im Pedal aus Kiefernholz, ozeanische Tiefe, weite Mensur, Dunkelholz, Tiefseefischschlaf, Braunrausch, fahle Klanggestalt am Ende des Schwarzmeeres, Elfendunkel, grüne Engelgestalt auf Eis

Elias Canetti erlernte erst im Alter von acht Jahren seine „Zaubersprache“ deutsch. Der Nobelpreisträger schrieb in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts drei Theaterstücke, die in seiner Heimatstadt Rousse aufgeführt wurden. Der Theaterdirektor versichert uns stolz, dass sein Theater das Einzige sei, welches diese drei Stücke zusammen aufführte. Und natürlich erhalten wir für eine dieser Aufführungen kostenfreie Logeplätze. Eine moderne Aufführung, bei denen die Schauspieler im Zuschauerraum und die Zuschauer auf der Bühne sitzen überrascht uns. Zwei Stunden „Bulgarisches Theater“ ereilen mich, von denen ich von drei Worten abgesehen keine Silbe verstand. Aber davon redet man nicht: Man gratuliert und freut sich über eine außergewöhnliche Sitzung, und man wird bereits zur nächsten Premiere wieder eingeladen, diesmal ein Stück eines serbischen Schriftstellers.

 

Zartbass 16’ im Pedal als Abschwächung des Subbaß, orthodoxe Melancholie, Ruf des Muezzin,

Nachsatz

Zwei Bilder entstanden in Rustschuk während des ersten vierwöchigen Aufenthaltes : es waren zwei Balgplatten, die wir neu mit weißem Lederstreifen rundum und einzelne Risse mit braunen Havannaleder und Knochenleim beklebten. Der Untergrund dieser Balgplatten war aus einer rötlichen Leimfarbe. Alles zusammen ergab eine abstrakte Bildkomposition, die ich „bulgarian summer“ nannte. Diese beiden Bilder sind durch Digitalfotos erhalten, da die Balgplatten natürlich wieder in die Orgel eingebaut wurden. Sie stellen die Grundidee der Sammlung von rund 800 Fotos aus Russe dar, die ich während den Arbeiten rund um die Orgel und in der Stadt und im Land gemacht habe. Abgerundet wurde die Bilddarstellung durch den Besuch eines bulgarischen Malers bei uns, der in der Nähe von Russe seine Heimstadt hat und gegenüber unserer Wohnung eine Ausstellung mit herrlichen Landschaftsaquarellen gab : hier beeindruckten mich besonders seine in tropfenden Schnee gehüllten Tannen und die erdenen, roten, aufgewühlten Spuren auf einem der irrationalen Wege durch den Wald oder durchs Gebirge. Und diese Bilder verinnerlichten in mir eine weitere magische Komponente des bulgarischen Lebens: eben die unberührten Landschaften, die menschenlos sind, aber von tiefer Leidenschaft geformt sind, - Balkan eben, religiös bis zur Besessenheit. Ein Bild habe ich von dem Künstler erworben, einen Sonnenaufgang in einem Gebirge, der bis zum Grau verblasst; ein Bild, in dem man den aufgebrochenen Boden weiter erkunden muss, damit er Sinn gibt, aufgebrochene Strukturen, die jeder Betrachter weiter in sich wirken lassen muss, damit das Bild ein Ende finden kann, in dem es ausfließen kann.

 

Gerhard Walcker - Mayer am

14.September 2003 in Rousse

 

zu diesen Ausführungen gibt es die Bilderreise durch

Rustschuk auf 4 Seiten

 

 

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